Siegfried Lenz behoort tot één van de belangrijkste Duitse schrijvers uit de tweede helft van de twintigste eeuw en mocht dan ook voor zijn boeken verschillende literaire onderscheidingen ontvangen. Op heel hoge leeftijd, 80 jaar, bracht Lenz nog een heuse liefdesroman, 'Schweigeminute' of 'Eén minuut stilte' - en misschien zelf zijn mooiste boek - uit waaraan deze korte lessuggestie gewijd is.
Die Novelle beginnt in der Aula eines Gymnasiums, in der sich alle Schüler und Lehrer versammelt haben, um eine Schweigeminute (= minuut stilte) zu halten. Hier kann die Lehrkraft fragen, was eine Schweigeminute bedeutet und wann wir sie normalerweise halten.
Während einer Schweigeminute denken Menschen schweigend gemeinsam an ein besonderes Ereignis oder eine gestorbene Person. Vielleicht sind die Lernenden neugierig und möchten wissen, an wen die Schüler und Lehrer denken, sodass ein erster Ausschnitt gelesen wird.
Ausschnitt 1
»Wir setzen uns mit Tränen nieder« , sang unser Schülerchor zu Beginn der Gedenkstunde, dann ging Herr Bock, unser Direktor, zum Podium. Er ging langsam, warf kaum einen Blick in die vollbesetzte Aula; vor Stellas Photo, das auf einem hölzernen Gestell vor dem Podium stand, verhielt er, straffte sich, oder schien sich zu straffen, und verbeugte sich tief.
Wie lange er in dieser Stellung verharrte, vor deinem Photo, Stella, über das ein geripptes schwarzes Band schräg hinlief, ein Trauerband, ein Gedenkband, während er sich verbeugte, suchte ich dein Gesicht, auf dem das gleiche nachsichtige Lächeln lag, das wir, die ältesten Schüler, aus deiner Englischstunde kannten. Dein kurzes schwarzes Haar, das ich gestreichelt hatte, deine hellen Augen, die ich geküßt habe auf dem Strand der Vogelinsel: Ich mußte daran denken, und ich dachte daran, wie du mich ermuntert hast, dein Alter zu erraten.
Herr Block sprach zu deinem Photo hinab, er nannte dich liebe, verehrte Stella Petersen, er erwähnte, daß du fünf Jahre zum Lehrerkollegium des Lessing-Gymnasiums gehörtest, von den Kollegen geschätzt, bei den Schülern beliebt.
Verstehenshilfen
verhielt er: blieb er stehen; sich verbeugte: den Oberkörper (= bovenlichaam) nach vorne neigen; verharrte: lange stehen bleiben; nachsichtig: mild; ermuntert: ermutigt, jemandem Mut und Lust machen, etwas zu tun
Die folgenden Fragen zum Ausschnitt können gestellt werden:
Hier finden die Schüler*innen wichtige Szenen aus dem Roman. Können sie herausfinden, was hier geschieht? Zu jedem Foto ordnen sie einen passenden Satz zu. Können sie auf diese Weise auch die Geschichte von Christian und Stella rekonstruieren?
Zusammenfassung
Die Novelle "Schweigeminute" erzählt die heimliche Liebesgeschichte zwischen der jungen Lehrerin Stella Petersen und dem Abiturienten (= laatstejaarsstudent) Christian.
Während der Gedenkfeier steht ein Foto von Stella auf dem Podium. Während Christian ihr Bild vor Augen hat, erinnert er sich an ihre heimliche Beziehung, die nur einen Sommer gedauert hatte, und an ihre erste Begegnung in den Ferien: Christian arbeitete im Sommer für seinen Vater als Steinfischer. Mit ihrem Schlepper holten sie Steine vom Meeresboden. Diese wurden für einen Wellenbrecher verwendet. Die Tourist*innen des Hotels Seeblick beobachteten sie dabei interessiert. Christians Englischlehrerin, die während dieser Zeit im Hotel wohnte, sah auch zu. Stella Petersen kam ursprünglich aus der Gegend, hatte aber lange in London gelebt und weil ihr Vater Pflege brauchte, war sie zurückgekehrt. Alle in dem kleinen Fischerdorf an der Ostsee hatten einen Narren an ihr gefressen (= mögen sie). Der Junge, Christian, wollte ihr eines Tages die unterseeischen Steinfelder zeigen.
Als Christian und Stella ihren geplanten Ausflug zu den Steinfeldern unternahmen, zog plötzlich ein Unwetter auf und die beiden strandeten auf der unbewohnten Vogelinsel, auf der sie in der einsamen Hütte des Vogelwarts Unterschlupf fanden. Nach den ersten zärtlichen Annäherungen wurden sie gefunden und wieder an Land zurückgebracht. Es folgte eine romantische Liebesnacht der beiden in Stellas Hotelzimmer.
Nach den Ferien war Christian darüber enttäuscht, dass Stella ihn nach ihren intimen Momenten wie alle anderen Schüler*innen behandelte und ihn sogar ignorierte. Er sehnte sich nach ihrer Nähe ...
See, Schiffe, Wasser und Steine spielen in der Novelle eine wichtige Rolle. Welche Assoziationen, Gefühle, Gedanken verbinden die Lernenden mit den Wörtern Wasser und Steine? Zu jedem Wort erstellen sie zu zweit einen passenden Wortigel.
Während der Gedenkfeier, bei der das Schulorchester spielt, bemerkt Christian den Schmerz, den Stellas Tod bei ihm hinterlässt. Nach der Gedenkstunde tut er deshalb etwas Besonderes ...
Ausschnitt 2
Allein, allein in meinem Klassenzimmer saß ich vor offener Schublade und betrachtete Stellas Bild; ich nahm mir vor, ihr zu erzählen, was sie noch nicht von mir wußte. ...
So leise, daß ich es nicht hörte, wurde die Tür (des Klassenzimmers) geöffnet, Heiner Thomsen rief: »Da bist du«, und kam rasch zu mir. Er hatte mich im Auftrag von Block gesucht, der Direktor wollte mich sprechen, gleich. »Weißt du, was er von mir will?« »Keine Ahnung.«
»Wo ist er?« »Wo er immer ist.« Ich schloß die Schublade, langsam stieg ich die Treppe hinab zu Blocks Zimmer im Parterre. Er kam mir nicht entgegen; hinter seinem Schreibtisch sitzend, forderte er mich durch ein Zeichen auf, näher heranzutreten. So, wie er mich musterte - dieser durchdringende, abfragende Blick -, war mir sogleich klar, daß er etwas Besonderes von mir erwartete. Ich empfand es als demütigend, mich so lange schweigend stehenzulassen.
Seine schmalen Lippen bewegten sich, er schien etwas vorzuschmecken, schließlich sagte er: »Offenbar wollten Sie unsere Gedenkstunde auf eigene Art beenden.« »Ich?« »Sie haben das Photo von Frau Petersen an sich genommen.« »Wer behauptet das?« »Mehrere haben es gesehen. Sie haben beobachtet, wie Sie das Photo an sich nahmen und, unter Ihrem Pullover verborgen, mitgehen ließen.« »Das muß ein Irrtum sein.« »Nein, Christian, es ist kein Irrtum, und nun bitte ich Sie, mir zu sagen, warum Sie es getan haben, Frau Petersen war Ihre Englischlehrerin.« Ich war bereit, zuzugeben, daß ich Stellas Bild mitgenommen hatte, doch vor seinem Schreibtisch stehend fiel mir kein Grund ein, den ich ihm hätte anbieten können, zumindest nicht den Grund, der allein mich handeln ließ.
Nach einer Pause sagte ich: »Gut, ich gebe zu, daß ich das Photo mitgenommen habe, ich wollte nicht, daß es irgendwo verschwindet, ich wollte es als Andenken an meine Lehrerin bewahren, alle in meiner Klasse haben sie geschätzt.« »Sie aber, Christian, Sie wollten das Photo für sich allein haben, nicht wahr?« »Das Photo soll im Klassenzimmer stehen«, sagte ich. Mit spöttischem Lächeln nahm er das zur Kenntnis, dann wiederholte er: »Im Klassenzimmer also. - Warum nicht in der Aula, auf dem Bord, auf dem die Porträts mehrerer ehemaliger Mitglieder unseres Kollegiums zu finden sind, warum nicht dort?« »Das kann ich machen«, sagte ich, »das kann ich gleich machen.«
Jetzt sah Block mich sehr ernst an, und ich mußte glauben, daß er mehr wußte, als ich annahm, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wie weit sein Wissen reichte oder wessen er mich verdächtigte. ... Um unser Gespräch zu beenden, schlug ich ihm vor, sofort zu tun, was er wünschte: »Wenn Sie einverstanden sind, Herr Doktor, bringe ich das gleich in Ordnung, das Photo kommt dorthin, wo Sie es haben möchten.«
Er nickte, ich war entlassen. Ich war schon an der Tür, als er mich noch einmal zurückrief, über mich hinweg sprechend sagte er: »Was wir verschweigen, Christian, ist mitunter folgenreicher als das, was wir sagen. Verstehen Sie, was ich meine?« »Ich hab verstanden«, sagte ich und beeilte mich, Stellas Photo an den gewünschten Platz zu bringen.
Folgende Fragen können gestellt werden ...
Die junge Englischlehrerin ist tot und Christian trauert, aber wie konnte seine Geliebte sterben? Hier gibt es vier Möglichkeiten, welche passt den Lernenden zufolge am besten?
A – Badeunfall im Meer
Während eines Spaziergangs am Strand geht Stella ins Wasser schwimmen. Eine starke Strömung zieht sie plötzlich ins offene Meer hinaus. Trotz schneller Hilfe kann sie nicht gerettet werden.
B – Autounfall bei schlechtem Wetter
Auf der Rückfahrt von einem Ausflug gerät Stella bei starkem Regen ins Schleudern. Ihr Auto kommt von der Straße ab und prallt gegen einen Baum. Sie stirbt noch am Unfallort.
C – Schwere Krankheit
Nach den Sommerferien wirkt Stella erschöpft und krank. Ihr Zustand verschlechtert sich schnell. Wenige Wochen später stirbt sie im Krankenhaus.
D – Segelunfall am Wellenbrecher
Bei der Rückkehr von einem Segeltörn wird Stella plötzlich von Bord gerissen. Sie wird gegen die Steine eines Wellenbrechers geschleudert und schwer verletzt. Nach einigen Tagen stirbt sie, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen.
Um ihre Vermutung zu überprüfen, können die Lernenden den Trailer und ein Video anschauen. Finden sie da noch Hinweise?
Ende
Nachdem Christian Stellas Bild in die Aula gebracht hatte, erinnerte er sich an einen stürmischen Tag. Eine Jacht, auf der Stella und ihre Freunde von einer Segeltour zurückkamen, wurde von den Wellen hin- und hergerissen. Schließlich krachte das Segelschiff auf den Wellenbrecher. Dabei gingen zwei Personen über Bord. Eine davon war Stella. Christian gelang es nach großen Mühen, seine große Liebe zu retten. Doch nach einigen Tagen starb sie im Krankenhaus an ihren schweren Kopfverletzungen.
Christian bleibt mit seinen Erinnerungen zurück, während das Meer sich gleichgültig weiter wellt.
Nach Stellas Beerdigung fordert Herr Block, der Direktor, Christian auf, während der Gedenkstunde als Klassensprecher etwas über Stella Petersen zu sagen. Wie würde er reagieren?
Zum Schluss folgt eine Vier-Ecken-Diskussion. Ziel ist es, dass die Lernenden ihre Meinung zur Geschichte äußern und begründen. Im Klassenzimmer gibt es vier Ecken. Jede Ecke steht für eine Meinung: „Ich stimme zu“, „Ich stimme nicht zu“, „Ich bin unsicher“ und „Es kommt darauf an“. Die Lehrkraft liest eine Aussage vor, beispielsweise: „Die Beziehung zwischen Christian und Stella ist eine echte Liebesgeschichte.“ Nachdem die Schüler*innen kurz überlegt haben, gehen sie in die Ecke, die am besten zu ihrer Meinung passt. Dort sprechen sie mit den anderen Lernenden und sammeln gemeinsam Argumente.
Anschließend stellt eine Person aus jeder Gruppe die Meinung der Ecke vor. Die anderen können darauf reagieren, Fragen stellen oder widersprechen.

